BLUTSSCHWESTERN (AT)

KINOSPIELFILM // ca. 100 min. // Buch & Regie Felix Hassenfratz // in Postproduktion gemeinsam mit dem SWR & ViaFilm // gefördert von der FilmStiftung NRW & MFG Baden-Württemberg & Kuratorium junger deutscher Film & DFFF // eine Produktion der ViaFilm gemeinsam mit der RatPack Southwest in Koproduktion mit SWR & WDR // im Verleih der W Film

Darsteller Maria Dragus - Anna Bachmann - Clemens Schick - Enno Trebs - Meira Durand - Anne Weinknecht u.a. Bildgestaltung Bernhard Keller Szenenbild Jan Hartmann Kostümbild Bettina Marx Maskenbild Monika Knauf Montage Barbara Toennieshen Komposition Gregor Schwellenbach - Paul Eisenach Produktion Max Frauenknecht & Benedikt Böllhoff Redaktion Stefanie Groß (SWR) & Andrea Hanke (WDR)

Als er mi ´küsst hat, dacht I muss ich glei sterbe. Richtig erschrocke bin I weil’s so schön war, und in mir drin war I stolz für oin Moment… Niemande schaut er so an wie mi. Awer als er mi net losgelassen hat, da hab I Angst bekumme. Kannt´ ihn uf oimol gar nimmer. So fescht hat er mi ghalte. Dacht´ was wenn er dich nie mehr loslässt. Was ja quatsch isch, weil jeder irgendwann wieder loslässt. Awer in dem Moment hab I gedacht, dann isch es mei´ Schuld. So hat es o’gfange.(Maria)



INHALT

BLUTSSCHWESTERN erzählt auf berührende Weise eine universelle Geschichte von der vielleicht stärksten Kraft: jenem unsichtbaren Band, das Geschwister miteinander verbindet. Von der Schuld, wenn Väter zu Tätern werden und von einer Sehnsucht nach Liebe gegen alle Vernunft.

Süddeutsche Provinz. Jetzt. MARIA (18) und HANNAH (16) sind Schwestern und Rivalinnen.

Beschenkt mit einem großen Talent für Musik hat Maria nach dem frühen Tod der Mutter ihre Rolle übernommen. Während Hannah rebellierend ihre Entjungferung und den Ausbruch aus dem Dorf plant, fühlt Maria sich allein verantwortlich: sie muss die Familie zusammenhalten, auch um den Preis ihrer eigenen Träume.

Alles ändert sich, als VALENTIN, Zimmermann auf der Walz, zum Sägewerk des Vaters Johann kommt - und Maria sich gegen alle Widerstände verliebt.

Valentin erwidert Marias heimliche Zuneigung, doch je näher er ihr kommt, umso mehr zieht sie sich von ihm zurück. Denn nicht nur er begehrt Maria. Auch Johann fühlt sich zu seiner Tochter hingezogen. Unfähig, die körperlichen Annäherungen ihres Vaters zurückzuweisen, steht Maria ihrem Schicksal ohnmächtig gegenüber.

Als Hannah Marias Geheimnis aufdeckt, beschließt sie, ihre Schwester zu befreien. Wenn es sein muss auch gegen Marias Willen.




HINTERGRUND

BLUTSSCHWESTERN ist eine Geschichte über die Kraft der Liebe im Angesicht des Verrats. Kannst Du jemals wirklich lieben, wenn deine erste Liebe missbraucht wurde? Die Sexualisierung unserer Welt ist ein bestimmendes Thema meiner Erzählung. In der Frage nach der sexuellen Selbstbestimmung stellen sich für mich die zentralen Fragen nach dem Erwachsen-werden.

Während meiner Recherchen für den Film wurde mir klar, dass es noch immer eine hohe Dunkelziffer von Missbrauchsfällen gibt, die niemals zur Anzeige gebracht werden. Oft gerade aus dem Grund heraus, dass die Opfer in ihrem Handeln von Gefühlen der Angst und Scham bestimmt werden. Angst vor der Öffentlichkeit. Dem Gefühl, selbst Schuld zu sein am Begehren des Anderen. Und nicht zuletzt die Furcht, dass ihnen nicht geglaubt wird.
So stehen sich zwei Dinge gegenüber. Eine zunehmend sexualisierte Welt der Jugendlichen, in denen es kaum Tabus gibt, und in der gerade durch diese scheinbare Tabulosigkeit eine große Scham existiert - einer Scham aus Mangel an Zwischenmenschlichkeit, an Werten und Vorbildern - eine Scham der Schamlosigkeit. Auf der anderen Seite steht das Schweigen über Erlebtes, für das es keine Sprache gibt.

Es kann ein Blick sein, der zu lange an der falschen Stelle weilt, und der immer wieder dorthin zurückkehrt. Es können Zudringlichkeiten unter dem Vorwand der Zärtlichkeit sein. Die bewusste Überschreitung der Intimgrenze. Es kann unsichtbar geschehen. Wir leben in einer Gesellschaft der existenten Schweigespirale, die sich um das Tabu des Missbrauchs immerzu dreht, atemlos und brausend still.

Wie soll man eine Sprache finden für etwas, das unsichtbar ist.




REGIE- & AUTORENSTATMENT

Die Erzählung BLUTSSCHWESTERN ist trotz ihrer starken regionalen Verortung eine universelle Geschichte. Sie stellt die Frage nach dem Spannungsverhältnis von Missbrauch und Macht. Nach den Auswirkungen und dem Umgang mit dem Verrat, den Eltern an ihren Kindern begehen, wenn sie zu Tätern werden.

Maria liebt ihren Vater. Und hasst ihn zugleich. Sich selbst. Gibt sich die Schuld am Begehren des Vaters. Maria fühlt sich verantwortlich, für alle und jeden. Vor allem für Hannah, ihre jüngere Schwester, die sie um jeden Preis beschützen muss. Liebe ist für Maria kein Gefühl. Es ist eine Bestimmung. Liebe ist absolutes Vertrauen. Alles für den anderen tun. Aber auch absolute Abhängigkeit. Wenn man einen anderen liebt, dann gibt man sich ihm hin und wird verletzlich. Liebe ist Schicksal. Maria muss sich entscheiden: Zwischen ihrer Liebe zu Valentin und ihrem Vater.

Mich interessieren Figuren, die an ihrer Welt festhalten, um jeden Preis. Menschen, die ihre Beziehungen aufrecht erhalten wollen, auch um den Preis der Unterdrückung. Der paralytische Zustand des Hoffens, des Glaubens an ein gerechtes Ende um jeden Preis, ist eine Demut, der ich trotz aller Zweifel nur meine wahre Hochachtung aussprechen kann.

Es gibt keine Wahrheit. Es gibt nur Versionen davon, auch davon erzählt BLUTSSCHWESTERN. Im Kern der Erzählung steht die Beziehung zweier Schwestern an der Schwelle zum Erwachsen werden. Sie sind am Ende stärker als die Erwachsenen selbst.

Entscheidend für meine Arbeit war der persönliche Bezug zum Thema. Ich erzähle ein Milieu, in dem ich mich bestens auskenne – die badische Provinz, die Mitte der Bürgerlichkeit, unter der es brodelt. Jeder kennt hier jeden und über jeden gibt es eine Geschichte zu berichten. Ein fragiles Gleichgewicht, in dem Störungen hart bestraft werden. Im weiteren Sinne sind dies alles Erzählungen von Heimat. Der Abwesenheit des Unbekannten oder dem Wunsch danach.

Meine Geschichte ist inspiriert von Filmen, die wissen, an welchem Ort sie spielen. Filme mit einem dokumentarischen Ansatz, wie dem der Dardenne Brüder. Filme von Jon Jost, Valeska Griesebach, Götz Spielmann u.a. Sie handelt von dem, was unter der Oberfläche der Normalität liegt. So ist meine Geschichte aus der Mitte der Bürgerlichkeit erwachsen. Auch, weil ich dort aufgewachsen bin.

Für mich sind es die starke Verortung des Films, das Verlegen der Handlung in ein badisches Dorf, die Sprache der Figuren im Dialekt, die dazu führt, dass sich die Geschichte wie auf einer Bühne aufbaut.
Obgleich Realismus für mich ein bestimmendes Element meiner Arbeit ist, wird der Film nicht zuletzt durch den Einsatz dokumentarischer Mittel und der Erzählung an authentischen Orten von einem starken Stilwillen geprägt. Es ist die Idee von der Welt im Wassertropfen.

BLUTSSCHWESTERN handelt von Verstrickung und Schuld. Dem Umgang mit einer Tat, für die es keine Worte gibt. Das Festhalten an einer eigenen Wahrheit gegen jede Vernunft, der irrationale Rest. Den Versuch des Aufgebens der Lüge und die Unmöglichkeit dessen. Dem Wunsch, Gerechtigkeit zu schaffen.

Ein süddeutsches Siebenhundertseelen-Dorf. Eine Familie zerbricht. Wenn man genau hinsieht, könnte es überall sein.